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Titel: Die Kreativitäts-AG

Autor: Ed Catmulls

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

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Die Kreativitäts-AG von Edwin „Ed“ Catmull hat den Anspruch anhand von zahlreichen Best-Practice-Beispielen rund um die Firmen Pixar und Disney Animation zu zeigen, wie man Kreativität im eigenen Unternehmen aufbaut und fördert. Catmulls Herangehensweise – Wissensvermittlung über Anekdoten und philosophische Reflexionen – unterscheidet sich dabei von klassischen Methoden-betonten Ratgebern. Die Frage ist: hilft uns Die Kreativitäts-AG von Catmulls Erfahrungsschatz zu profitieren?

Ed Catmull ist einer der großen Pioniere des computeranimierten Trickfilms. Gemeinsam mit Steve Jobs und John Lasseter gründete er 1986 die Firma Pixar Animation Studios, die mit wegweisenden Filmen wie Toy Story und Findet Nemo bislang 15 Oscars gewinnen konnte. Zusammen mit Lasseter leitet er Pixar bis heute und ist zudem seit der Fusion mit Disney 2006 Präsident von Disney Animation und DisneyToon. Für seine bahnbrechenden Entwicklungen im Bereich der Computergrafik wurde er auch viermal persönlich mit dem Academy Award ausgezeichnet.

2014 veröffentlichte Catmull gemeinsam mit seiner Co-Autorin Amy Wallace das Buch Die Kreativitäts-AG. Wie man die unsichtbaren Kräfte überwindet, die echter Inspiration im Wege stehen, das im selben Jahr auf die Shortlist der Buch-des-Jahres-Auszeichnung der Financial Times gewählt wurde. Eingeleitet durch einige biografische Passagen beschreibt Catmull in Die Kreativitäts-AG wie Pixar, sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht, zu einem der innovativsten Unternehmen der Filmbranche wurde und wie es sich die dafür notwendige Kreativität und Experimentierfreude trotz Wachstum und steigendem Druck von außen bis heute bewahrt hat.

Im Kern geht es Catmull dabei um drei große Themen: Offenheit im firmeninternen Umgang, aktive Selbstreflexion und eine Kultur, die Fehler als notwendigen Bestandteil des kreativen Prozesses sieht und als Chancen begreift.
Der Begriff Offenheit zieht sich wie ein roter Faden durch Die Kreativitäts-AG. Dabei grenzt Catmull Offenheit als aktiven Prozess gegenüber Ehrlichkeit ab, die er als passiv betrachtet. Catmull betont immer wieder, dass gute Ideen von überall her kommen können – aber nur in einer Kultur der Offenheit würden diese dann auch aufgegriffen. Als Grundlage für eine offene Kommunikation im Unternehmen sieht er tiefgehendes Vertrauen und Empathie. Catmull beschreibt beispielsweise mit den „Braintrust-Meetings“, in denen sich Pixar-Regisseure dem Feedback ihrer Kollegen stellen, Modelle, wie Selbstzensur aus falscher Rücksichtnahme in einem Unternehmen überwunden werden kann.

Das Thema Selbstreflexion hat bei Catmull viel mit Wahrnehmung im Allgemeinen zu tun. Als Experte für digitale Darstellungen und deren Wahrnehmung durch den Betrachter kennt sich Catmull mit den Möglichkeiten und Grenzen der individuellen Wahrnehmung aus. Seine eigene Aufgabe als Präsident Pixars sieht Catmull vor allem auch darin, noch nicht sichtbare Probleme ans Tageslicht zu fördern und diese dann mit seinen Mitarbeitern zu lösen. Besonders an Führungskräfte richtet er dabei aber auch den Appell zu akzeptieren, dass sie nie alle Informationen zu einer Situation haben werden.
Besonderen Wert legt Catmull auch darauf, dass ein kreatives, forschendes Unternehmen immer eine gehörige Portion Mut für Experimente aufbringen müsse. Eine Firmenkultur mit Null-Fehler-Toleranz sei in einem Krankenhaus vielleicht wünschenswert, aber Gift für jede Form von Weiterentwicklung. Catmull gibt zu, dass fehlgeschlagene Experimente schnell teuer werden können, sieht sie aber schlichtweg als alternativlos. Statt Fehler zu vermeiden trachtet er danach, deren Auswirkungen einzugrenzen. „Der Job eines Managers besteht nicht darin, Risiken zu verhindern, sondern die Fähigkeit aufzubauen, sich wieder davon zu erholen“, schreibt Catmull dazu (Seite 158).

Neben einer gesunden, offenen Firmenkultur und motivierten, qualifizierten Mitarbeitern sieht Catmull auch in dem Gebäude ein entscheidendes Mittel, um Kreativität zu fördern. Dies habe auch Steve Jobs erkannt, der für Pixar selbst das Design des neuen Hauptquartiers übernahm und dabei den Themen Austausch und Inspiration größte Priorität beimaß. Als Negativbeispiel führt Catmull die Büros von Disney Animation vor der Fusion mit Pixar an. Gemeinsam mit John Lasseter führte er hier mit Dienstantritt einige entscheidende Änderungen ein: die Chefs saßen nicht mehr in abschreckenden Einzelbüros im obersten Stock, sondern in transparenten Glaskästen mitten unter den Teams und im zentralen Bereich der Räumlichkeiten ließen sie eine Lounge mit Möglichkeiten zum Entspannen schaffen. So kamen die Mitarbeiter wieder viel häufiger zusammen, die Kommunikation lief schlagartig besser und der Fluss von Ideen steigerte sich merklich.

Catmull gelingt, gestützt von Beispielen und Anekdoten, ein spannender, nachvollziehbarer Einblick in die Welt von Pixar und seine ganz persönliche Philosophie der Führung kreativer Unternehmen. Die angenehme Lesbarkeit des Buches hängt auch mit seiner unkomplizierten Ausdrucksweise und der Entscheidung, die komplexen technischen Themen, die Pixars Erfolg erst ermöglicht haben, nur am Rande zu streifen, zusammen.

Vieles, was man in Die Kreativitäts-AG liest hat man im Umfeld von New-Work-Bestrebungen schon gehört: der Ruf nach Offenheit in Unternehmen, das Ablegen des Fehler-sind-schlecht-Mythos und anderes dürfen wohl zu Recht als Trends bezeichnet werden. Bei Catmull verkommen diese aber nicht zu leeren Phrasen, sondern werden durch seine nachvollziehbaren Beispiele aus dem Arbeitsalltag Pixars mit Leben gefüllt und dienen als wertvolle Impulse. Catmull betont aber auch, dass die Kunst, die Kreativität im Unternehmen hochzuhalten, ein immerwährendes Engagement erfordert – sobald man sich auf seinen Lorbeeren ausruht, würden sich Selbstzensur und Routine einschleichen. Die Kreativitäts-AG zeigt, dass man zum Schaffen einer innovationsfördernden Arbeitskultur beständig neue, kreative Lösungen finden muss – und dass dies möglich ist.

Geschrieben von unserem MBSMN-Mitglied Ingo Tegge.